Wer sich literarisch auf eine Reise durch Deutschland begibt, kommt bei der Station Lüneburger Heide an einem Namen nicht vorbei: Hermann Löns. Kaum ein anderer Autor hat das Bild dieser Landschaft so nachhaltig geprägt – gelesen, zitiert, vereinnahmt, kritisiert. Auch wenn sein Werk heute nicht mehr selbstverständlich präsent ist, gehört es zur kulturellen Geschichte der Heide. Der Hermann-Löns-Weg, ein markierter Fernwanderweg in der Lüneburger Heide, macht diese Verbindung bis heute begehbar.
Ankommen in der Landschaft
Der Weg beginnt unscheinbar. Kein Tor, kein Schild, das mehr verspricht, als es halten kann. Ein schmaler Pfad führt aus einem Heideort hinaus, vorbei an letzten Häusern, dann öffnet sich die Landschaft. Zwischen Hanstedt und Undeloh weiten sich die Flächen, Heidekraut liegt zwischen Birken und Wacholder, darüber ein offener Himmel. Wer hier geht, geht nicht nur durch Raum, sondern auch durch Zeit.
Ein Dichter als Wegmarke
Hier hat man einem Dichter ein Denkmal gesetzt, ein ganz besonderes – den Hermann-Löns-Weg. Fragt man heute junge Leute nach dem Namen Hermann Löns, kennt ihn allerdings kaum noch jemand. Aber alle 60+ dürften mit dem Namen noch etwas anfangen können. Seine Texte wie das Gedicht „Abendlied“ waren über Jahrzehnte fester Bestandteil deutscher Schulbücher, vor allem im Deutschunterricht der Grundschule und Sekundarstufe.
Rose Marie, Rose Marie,
Sieben Jahre mein Herz nach dir schrie,
Rose Marie, Rose Marie,
Aber du hörtest es nie. …
Hermann Löns (1866-1914)
Und viele Ältere kennen vielleicht nicht einmal seinen Namen, aber seine Geschichten – Mümmelmann, die Tiergeschichten – gehörten für Generationen zur ersten Begegnung mit Literatur. Der Hase, die Hauptfigur, der Fuchs, die Vögel sprechen aus einer klaren Nähe zur Natur.
Wirkung, Kritik und Vereinnahmung
Später geriet Löns in die Kritik, nicht wegen einzelner Texte, sondern wegen Kontext, Wirkungsgeschichte und Vereinnahmung seiner Werke. Löns’ Heimatliteratur geriet in die Kritik, weil sein Werk im Nationalsozialismus ideologisch vereinnahmt, oft didaktisch verkürzt und später pauschal abgelehnt wurde – weniger wegen dessen, was er tatsächlich geschrieben, sondern eher deswegen, was man daraus gemacht hat.
Doch kaum ein Dichter wurde und wird noch heute so eng mit der Heide in Verbindung gebracht wie er. Dabei stammte Löns ursprünglich nicht einmal aus der Region.
Herkunft, Leben und Schreiben
Hermann Löns wurde am 29. August 1866 in Kulm in Westpreußen geboren und starb am 26. September 1914 bei Reims während des Ersten Weltkriegs. Er war der Sohn eines Gymnasialprofessors und wuchs als ältestes von vierzehn Kindern in Deutsch Krone in Pommern auf. Bereits in jungen Jahren beschäftigte er sich intensiv mit der Natur und unternahm erste literarische Versuche. Nach dem Abitur in Münster begann er ein Studium der Naturwissenschaften, brach dieses jedoch ab. In dieser Zeit kam es zu einem Bruch mit dem Elternhaus – persönliche und gesundheitliche Probleme, unter anderem ein ausgeprägter Alkoholkonsum, erschwerten seinen weiteren Weg.
Löns wandte sich dem Journalismus zu. Ab 1891 arbeitete er als Redakteur in Kaiserslautern, 1892 in Gera und von 1893 bis 1909 bei verschiedenen Zeitungen in Hannover. Seit 1909 lebte er als freier Schriftsteller. Löns schrieb Reportagen, Feuilletons und Gedichte. Erst in der Lüneburger Heide fand er jedoch ein Thema, das ihn band. Löns lernte die Lüneburger Heide ab den 1890er-Jahren kennen.
Von seinem Wohn- und Arbeitsort Hannover aus durchstreifte er die Region regelmäßig, hielt sich zeitweise in Heideorten wie Wilsede oder Undeloh auf und machte die Landschaft zum zentralen Gegenstand seines Schreibens. Seine Texte entstanden aus dem Gehen: aus der Jagd, aus Gesprächen mit Bauern, aus genauer Kenntnis der Landschaft und aus dem Bewusstsein, dass sich diese bereits zu seinen Lebzeiten veränderte. Noch heute finden Lesungen aus seinen Werken in der Heide statt, werden zum Beispiel vom Heimat- und Kulturverein Undeloh und Umgebung e. V. organisiert.
Das Grabmal von Hermann Löns im Tietlinger Wacholderhain bei Walsrode.
Bildnachweis: pixabay - geierweb
Tod, Grab und Erinnerung
Zu Beginn des Ersten Weltkriegs meldete sich Hermann Löns schließlich freiwillig zum Militär. Er fiel wenige Wochen später, am 26. September 1914, bei Reims in Frankreich. Nach seinem Tod wurde der gefallene Schriftsteller vermutlich in einem Massengrab beigesetzt. Rund zwanzig Jahre später stieß ein französischer Bauer beim Pflügen auf einen Leichnam mit deutscher Erkennungsmarke, der in der NS-Zeit ohne unabhängige Prüfung Hermann Löns zugeschrieben wurde; die Gebeine wurden daraufhin nach Deutschland überführt, zunächst zwischengelagert und mehrfach umgebettet, bevor sie 1935 im Tietlinger Wacholderhain in der Lüneburger Heide ihre letzte Ruhestätte fanden.
Es gibt jedoch keinen zweifelsfreien Nachweis darüber, dass die bei Walsrode bestatteten Gebeine tatsächlich von Hermann Löns stammen. Das Grab von Hermann Löns ist aber Teil der Erinnerungskultur der Heide. Doch auch wenn nicht wirklich geklärt ist, ob dort tatsächlich die sterblichen Überreste von Hermann Löns liegen, ist jedoch gesichert, welche Rolle dieser Ort im Umgang mit seinem Werk und seiner Wirkungsgeschichte spielt.
Zurück auf dem Weg
Doch zurück zum Hermann-Löns-Weg – er verbindet heute Orte, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben. Dörfer, Waldränder, offene Flächen, kleine Anstiege und Senken wechseln einander ab. Etappen führen vorbei an Niederhaverbeck, durch stille Waldstücke, dann wieder hinaus in die Weite. Der Weg folgt keiner dramatischen Linie. Er verlangt Ausdauer, Aufmerksamkeit, Bereitschaft zur Wiederholung. Viele Abschnitte ähneln einander, und doch verändert sich mit jedem Schritt etwas: das Licht, der Wind, der Geruch des Bodens. Unterwegs begegnet man Namen, die vertraut klingen. Am Rand des Weges, nahe dem Totengrund oder in der Nähe des Wilseder Bergs, erinnern Tafeln an Texte, Gedichte, Beobachtungen. Kleine Denkmäler stehen dort, wo man sie nicht erwartet – nicht erhöht, nicht herausgehoben, sondern in die Landschaft eingelassen. Sie fordern kein Innehalten ein, erlauben es aber.
Laß deine Augen offen sein,
geschlossen deinen Mund
und wandle still,
so werden dir geheime Dinge kund.
Hermann Löns (1866-1914)
Präsent und fern zugleich
Der Mann, dessen Namen der Weg trägt, ist präsent und zugleich fern. Hermann Löns ist hier weniger Figur als Stimme. Seine Texte haben die Heide beschrieben, lange bevor sie zum Ausflugsziel wurde. Er ging durch Gegenden um Wilsede, durch Moore und offene Flächen, beobachtete Pflanzen, Tiere und Menschen. Seine Nähe zur Landschaft war keine romantische, sondern eine beharrliche. Der Hermann-Löns-Weg führt durch Gebiete, die heute unter Schutz stehen, und durch andere, die genutzt werden. Zwischen Heideflächen bei Schneverdingen und landwirtschaftlich geprägten Räumen zeigt sich jene Spannung, die Löns beschrieben hat. Er war kein Bewahrer im musealen Sinn. Er sah Aufforstung, Entwässerung, wirtschaftliche Nutzung – und benannte, was dabei verloren zu gehen drohte.
Wer an seine Grabstätte kommt, hat meist schon viele Kilometer hinter sich. Die Schritte sind langsamer geworden, der Blick ruhiger. Das Grab wirkt nicht wie ein Ziel, sondern wie ein Zwischenhalt.
Der Weg, die Denkmäler, die Texte erzählen keine abgeschlossene Geschichte. Sie legen Spuren. Wer ihnen folgt, muss selbst verbinden, ordnen, deuten. Vielleicht liegt darin die eigentliche Bedeutung des Hermann-Löns-Weges: Er führt nicht nur durch die Lüneburger Heide, sondern durch eine Vorstellung von Heimat, die entstanden ist aus Sprache, aus Nähe und aus wiederholtem Hinsehen.
Weitere Informationen:
Die Lüneburger Heide GmbH hält auf ihrer Internetseite ausführliche Informationen zum Löns-Weg bereits. Dort können auch GPS-Daten heruntergeladen werde, die den Streckenverlauf anzeigen
Link: www.lueneburger-heide.de







Kommentare
Kommentar veröffentlichen