Es sind oft die unscheinbaren Orte, an denen sich große Geschichten entscheiden. Für den irischen Schriftsteller James Joyce war ein solcher Ort die kleine Stadt Feldkirch in Vorarlberg – genauer gesagt: ihr Bahnhof.
Im Jahr 1915 befand sich Joyce mit seiner Lebensgefährtin Nora Barnacle und den beiden gemeinsamen Kindern auf der Flucht aus dem damals von den Wirren des Ersten Weltkriegs geprägten Triest. Als britischer Staatsbürger galt er in Österreich-Ungarn plötzlich als „feindlicher Ausländer“. Während sein Bruder Stanislaus in Triest interniert wurde, versuchte Joyce, mit seiner Familie in die neutrale Schweiz zu gelangen.
Der Weg führte über Feldkirch
Bei der Grenzkontrolle wurde Joyce beinahe festgenommen. Es fehlte nicht viel, und seine Reise hätte hier ein abruptes Ende gefunden. Doch dank der Unterstützung einflussreicher Kontakte durfte er schließlich weiterreisen. Eine Entscheidung, die im Moment selbst unscheinbar wirkte – rückblickend jedoch von enormer Tragweite war.
Denn Joyce selbst sah in diesem Augenblick einen Wendepunkt. Später erinnerte er sich daran, dass auf den Gleisen von Feldkirch letztlich auch das Schicksal seines berühmtesten Werkes entschieden worden sei: Ulysses.
Was diese Erinnerung besonders greifbar macht: Jahre später kehrte Joyce noch einmal nach Feldkirch zurück. Im Sommer 1932 verbrachte er etwa einen Monat in der Stadt - gemeinsam mit Nora und befreundeten Verlegern. In dieser Zeit entwickelte er eine fast ritualhafte Gewohnheit – jeden Abend ging er zum Bahnhof, um dort den kurzen Halt des Orient-Express zu beobachten. Bei einem dieser Besuche soll er seinem Begleiter gegenüber auf die Gleise gezeigt und sinngemäß gesagt haben, dass genau dort einst über die Zukunft seines Werkes entschieden wurde. So wurde aus einer persönlichen Erinnerung ein bewusst reflektierter literarischer Moment.
Heute erinnert in der Bahnhofshalle von Feldkirch eine Inschrift an diese Begebenheit. Seit 1994 ist dort ein Zitat zu lesen, das genau diesen Gedanken aufgreift. Eine spätere Installation hat diese Erinnerung noch sichtbarer gemacht – und verwandelt den Bahnhof in einen stillen literarischen Erinnerungsort. Auch eine Passage in der Feldkircher Innenstadt trägt seinen Namen.
Doch wer war dieser Mann?
James Joyce wurde 1882 in Dublin geboren und zählt heute zu den bedeutendsten Autoren der literarischen Moderne. Seine Werke sind bekannt für ihre sprachliche Radikalität und ihre innovativen Erzähltechniken, insbesondere den sogenannten Bewusstseinsstrom. Obwohl er Irland früh verließ, blieb Dublin das Zentrum seines literarischen Universums.
Sein Leben führte ihn quer durch Europa: von Dublin nach Triest, weiter nach Zürich und schließlich nach Paris. In Zürich, wohin er nach seiner Flucht gelangte, arbeitete er intensiv an Ulysses, jenem Roman, der später als Meilenstein der Weltliteratur gelten sollte.
Feldkirch hingegen war nie ein klassischer Ort seines Schaffens. Und doch ist die Stadt auf besondere Weise mit seinem Werk verbunden – nicht als Inspirationsquelle, sondern als Wendepunkt. Als Ort, an dem sich entschied, dass Joyce weitergehen konnte. Dass er schreiben konnte. Dass Literaturgeschichte ihren Lauf nahm.
Vielleicht liegt gerade darin die stille Faszination dieses Ortes: dass zwischen Bahnsteigen und Grenzkontrollen für einen kurzen Moment die Zukunft der Literatur auf dem Spiel stand.
In Triest erinnert diese Büste an den irischen Schriftsteller James Joyce, der auch einen Hauch von Weltliteratur nach Feldkirch in Vorarlberg brachte. Bildnachweis: Despositfoto: Klodien
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